Andreas Zilch

Principal & Innovation Advisor, LEXTA Consultants Group

„In einem etablierten mittelständischen Unternehmen können und sollten IT Services nur aus einer Kombination der verschiedenen Delivery-Modelle geliefert werden.“

Andreas Zilch

q.beyond bat Andreas Zilch um die Kommentierung von drei Thesen, welche die Eindrücke aus Gesprächen mit mittelständischen Kunden zum Thema Cloud-Migration zusammenfassen:

  • These 1: Eine Migration der gesamten Unternehmens-IT hin zu Public Cloud(s) ist für mittelständische Unternehmen (ab ca. 500 MA) keine optimale Strategie.
  • These 2: Hybrid Cloud bleibt das Modell der Wahl für die Cloud-Migration im Mittelstand.
  • These 3: Für eine erfolgreiche Cloud-Migration bedarf es einer neuen Form an Outsourcing-Partnerschaften, bei denen die Provider sowohl den Betrieb von Private Clouds als auch das Management von (multiplen) Public-Cloud-Angeboten verantworten.

Konkret fragten wir, ob die Experten diesen Thesen aus Ihrer Erfahrung heraus zustimmen und warum (nicht); welche Herausforderungen sie bei der Entscheidung in Hinblick auf Public-Cloud-Angebote für besonders problematisch, welche sie für eher vorgeschoben bzw. einfach lösbar halten sowie für welche Themen mittelständische Unternehmen unbedingt / bevorzugt Public-Cloud-Angebote in Betracht ziehen, und welche bis auf weiteres in Private Clouds betrieben werden sollten.


Zu These 1 –
Ein reiner Public-Cloud-Ansatz ist für den Mittelstand keine optimale Strategie

In den letzten Jahren habe ich einen radikalen Schwenk bei der Einstellung deutscher Mittelständler zum Cloud-Einsatz erlebt. Zunächst war Cloud „Teufelszeug“ (intransparente Infrastruktur, zu unsicher, wenig verlässlich, nicht individualisierbar,…) und der Einsatz sollte auf jeden Fall vermieden werden.

Ab 2019 haben viele Unternehmen hier einen radikalen Schwenk vorgenommen: „Cloud First“, alles in die Public Cloud, so schnell wie möglich! In der Praxis funktioniert dies aber nicht, aus verschiedenen Gründen.

Der Wichtigste ist die existierende Applikationslandschaft in den Unternehmen, ein durchschnittlicher Mittelständler nutzt und betreibt ca. 150 – 400 Applikationen, wobei u.a. die Wichtigkeit, Reife und technologische Basis sehr unterschiedlich sind. Es gibt Applikationen, die relativ einfach und sehr sinnvoll in die Cloud „verschoben“ werden können, hierzu gehören u.a. Collaboration Tools (Office 365, E-Mail, Videokonferenzen, File Sharing, …) und Spezialanwendungen, die bereits als SaaS-Lösung angeboten werden.

Die Herausforderung ist in der ersten Phase die Formulierung einer klaren Cloud-Strategie mit eindeutigen Regeln, basierend auf der unternehmensspezifischen Ausgangssituation, den Zielen, Möglichkeiten und der Applikationslandschaft.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass für diese erste Phase ein „Quickcheck“ mit relativ geringem Aufwand sehr gute Ergebnisse liefert. Hierbei wird die Ausgangssituation (bestehende IT-Strategie, Data Center, IT-Infrastruktur, Applikationslandschaft) erfasst und bewertet und mit den „Cloud-Möglichkeiten“ abgeglichen. Hieraus ergibt sich eine erste unternehmensspezifische „Cloud-Strategie“, die dann weiter ausgearbeitet und umgesetzt werden kann.

Wichtig ist, dass hier Ansatz und Aufwand „mittelstandskonform“ sind, d.h. effizient, transparent, ganzheitlich und nachhaltig. Für diesen wichtigen ersten Schritt sind weder große Budgets, noch hoher interner Aufwand notwendig.


Zu These 2:
Hybrid Cloud als Modell der Wahl im Mittelstand

Der Begriff „Hybrid Cloud“ beschreibt die Kombination von verschiedenen Delivery-Modellen für die IT Services für Unternehmen. Ich verwende diesen Begriff mittlerweile weniger, da er von einigen IT-Anbietern sehr stark für eigenes Marketing falsch verwendet und damit missbraucht wird.

Die Grundidee ist aber vollkommen richtig: in einem etablierten mittelständischen Unternehmen können und sollten IT Services nur aus einer Kombination der verschiedenen Delivery-Modelle geliefert werden.

Dazu zählen:

  • Fat-Client-Software-Installationen (sollte vermieden werden, existiert aber tatsächlich noch)
  • Local Server (noch oft im Einsatz, moderne Variante „Edge Computing“)
  • Own Data Center (i.a. am Unternehmensstandort, oftmals veraltet)
  • CoLocation / Housing – Nutzung von professionellen RZ / DC-Raum- und Infrastruktur-Services (Strom, Klima, Networks, …)
  • Hosting / Managed Services (Betrieb der Applikationen durch einen professionellen IT-Dienstleister, im eigenen Data Center oder im DL DC)
  • Private Cloud (etwas unscharfer Begriff – zumeist Betrieb der Applikationen im DL DC unter Verwendung von Cloud-Technologien, Individualisierung möglich, aber limitiert)
  • Public Cloud (Nutzung von hoch-standardisierten Cloud Services und Prozessen, unterschieden wird hier wiederum in IaaS, PaaS, SaaS)

Diese breite Fächerung zeigt schon, dass die Wahl der geeigneten Lösung und insbesondere auch der Migrationsprozess relativ komplex sind.

Für eine ganzheitliche Gesamtlösung sind also Anbieter im Vorteil, die ein breites Spektrum anbieten und auch bei der Auswahl der richtigen Servic-Delivery-Architektur Plattform-kompetent, pragmatisch und (relativ) unabhängig beraten können.


Zu These 3:
Neue Formen von "Hybrid Cloud" Outsourcing-Partnerschaften im Mittelstand 

Das „klassische“ Outsourcing hat in den letzten Jahren deutlich an Bedeutung verloren und dieser Trend wird grundsätzlich bestehen bleiben. Grund ist nicht etwa eine schlechte Qualität oder grundsätzliche Unzufriedenheit der Kunden, sondern vielmehr ein zu starres Geschäftsmodell, welches immer weniger in die zukünftige Geschäfts- und IT-Landschaft passt. Gerade in den aktuellen sehr unsicheren und teilweise stürmischen Zeiten ist Flexibilität und nicht alleine Kostenoptimierung das Ziel.

Outsourcing hat im letzten Jahrzehnt die IT-Delivery-Modelle bei vielen Kunden verbessert und teilweise Kosten gesenkt. Das Versprechen der Flexibilität und Innovationsunterstützung konnte aber nur in den seltensten Fällen eingelöst werden.

Der Grund hierfür ist definitiv nicht nur bei den Outsourcing-Anbietern zu suchen – vielmehr war das primäre Ziel von entsprechenden langfristigen Verträgen, die IT-Kosten zu senken / zu optimieren und die Qualität über feste SLAs zu managen und zu steuern. Hierzu wurden zumeist in den Rechenzentren der Outsourcing-Dienstleister entsprechende Infrastrukturen aufgebaut, gemanagt und damit die IT Services bereitgestellt. Heute würde man dies wohl „Private Cloud“ nennen, allerdings in einer sehr starren Form.

In Zukunft wird es einen Mix der vorher genannten Delivery-Modelle, inklusive Public Cloud, geben und dieser Mix muss zusätzlich noch flexibel und dynamisch gestaltet und angepasst werden. Daraus ergeben sich (potenziell) zahlreiche Vorteile, aber auch massive Herausforderungen, sowohl für IT-Anbieter, als auch für die Kunden. Diese neue, komplexere Form des IT-Betriebs wird definitiv von den wenigsten mittelständischen Unternehmen selbst geleistet werden, so dass die Rolle und die Aufgaben der IT-Dienstleister neu definiert werden und an Bedeutung zunehmen.

Der Auswahl des „richtigen“ Partners und eine tatsächlich gelebte „Partnerschaft“ jenseits des starren Vertragsmanagements kommt somit eine starke Bedeutung zu.

Deshalb sollte man das Thema „Cloud Adaption & Migration“ bei mittelständischen Unternehmen auch zuerst mit den „leichteren“ Themen angehen. Dazu gehören im ersten Schritt Infrastruktur-SW-Themen und Collaboration-Lösungen (MS O365, Teams, Exchange, File Sharing, Web Conferences, …), sowie ausgewählte, passende SaaS-Lösungen.