Axel Oppermann

Analyst bei Avispador

„Wichtig ist, dass Cloud Computing kein statisches Modell ist. Der Erfolg hängt von der Fähigkeit ab, sich weiterzuentwickeln.“

Axel Oppermann

q.beyond bat Axel Oppermann um die Kommentierung von drei Thesen, welche die Eindrücke aus Gesprächen mit mittelständischen Kunden zum Thema Cloud-Migration zusammenfassen:

  • These 1: Eine Migration der gesamten Unternehmens-IT hin zu Public Cloud(s) ist für mittelständische Unternehmen (ab ca. 500 MA) keine optimale Strategie.
  • These 2: Hybrid Cloud bleibt das Modell der Wahl für die Cloud-Migration im Mittelstand.
  • These 3: Für eine erfolgreiche Cloud-Migration bedarf es einer neuen Form an Outsourcing-Partnerschaften, bei denen die Provider sowohl den Betrieb von Private Clouds als auch das Management von (multiplen) Public-Cloud-Angeboten verantworten.

Konkret fragten wir, ob die Experten diesen Thesen aus Ihrer Erfahrung heraus zustimmen und warum (nicht); welche Herausforderungen sie bei der Entscheidung in Hinblick auf Public-Cloud-Angebote für besonders problematisch, welche sie für eher vorgeschoben bzw. einfach lösbar halten sowie für welche Themen mittelständische Unternehmen unbedingt / bevorzugt Public-Cloud-Angebote in Betracht ziehen, und welche bis auf weiteres in Private Clouds betrieben werden sollten.

Zu These 1 –
Ein reiner Public-Cloud-Ansatz ist für den Mittelstand keine optimale Strategie

Ich halte reine Public-Cloud-Modelle nicht für zielführend. Denn mit jedem Einsatz der Cloud werden Veränderungen in Technologie, Menschen und Prozessen notwendig sein, um die angebotenen Vorteile zu nutzen. Art und Umfang dieser Veränderungen hängen von dem Ansatz ab, den das jeweilige Unternehmen bei der Cloud verfolgt.

Fakt ist: Cloud ist gegenwärtig eine Schlüsselressource für eine moderne Unternehmensausrichtung. Die Herausforderung liegt also darin, Lösungen für Probleme bzw. Anforderungen auszuwählen, die den derzeitigen und zukünftigen Bedarfen im Unternehmen gerecht werden. Hierbei gilt es, die Modernisierung der Rechenzentrumstechnologie, die Automatisierung von IT-Prozessen und eine Transformation der Unternehmensdynamik zu ermöglichen.

Wichtig dabei ist die Erkenntnis, dass Cloud Computing kein statisches Modell ist. Der Erfolg hängt von der Fähigkeit ab, sich weiterzuentwickeln. Stichworte sind hier nicht allein nur Agilität oder Flexibilität, sondern auch die Fähigkeit, Gestaltungsspielräume optimal zu nutzen.

Grundsätzlich gilt: Cloud Services haben sich als ein fester Bestandteil des IT-Portfoliomanagements etabliert. Viele Euro, Dollar, Yen oder Renminbi werden in Hybrid- oder Multi-Cloud-Szenarien investiert. Viel Geld fließt aber auch an Dienstleister, Berater und Managed Service Provider. 

Dabei haben Unternehmen im Rahmen ihres IT-Betriebskonzepts grundsätzlich drei Handlungsspielräume, nämlich die IT-Transformation:

  • komplett eigenständig zu realisieren,
  • komplett an einen Sourcing-Anbieter abzugeben,
  • teils in einem Selfservice-Modell, teils durch einen (Managed) Service Provider zu realisieren.

Auch in Bezug auf das IT-Portfoliomanagement – also die Cloud-Modelle und -Bereitstellung – bestehen regelmäßig drei Optionen:

  • Beschaffung und Nutzung aller Cloud-Ressourcen von nur einem Lieferanten (einem Hyperscaler)
  • paralleler Bezug der Cloud-Ressourcen bei mehreren Anbietern für gleiche oder unterschiedliche Workloads, die zwar integriert, aber nicht in einer zusammenhängenden Architektur umgesetzt werden („unechte Multi Cloud“)
  • paralleler Bezug der Cloud-Ressourcen bei mehreren Anbietern für gleiche oder unterschiedliche Workloads, bei denen sämtliche Cloud-Ressourcen über eine (einzige) Verwaltungsschnittstelle orchestriert werden (Multi Cloud)

In diesem Kontext (und ergänzend) sei erwähnt: Neben der Auswahl der Cloud-Modelle oder der Dienstleister ist die Art der Migration entscheidend. In der Praxis haben sich drei Methoden etabliert, die dabei helfen sollen, die Workloads auf moderne Cloud-Architekturen umzustellen. Dies wären:

  • „Lift and Shift“,
  • eine teilweise Neuentwicklung bzw. eine Anpassung und
  • ein umfassendes bzw. komplettes „Refactoring“ – also Überarbeitung.

Dabei ist die Entscheidung, ob die Datenhaltung im eigenen Unternehmen bzw. in einem Workload vor Ort gehalten oder in die Cloud verlagert wird, für viele Verantwortliche eine komplizierte. Sie erfordert ein tiefes Verständnis der eigenen IT- und Rechenzentrumsinfrastruktur, des Anwendungsdesigns und der geschäftlichen Entwicklung.

Eine „falsche“ Entscheidung kann die Leistung beeinträchtigen oder zusätzliche Kosten verursachen. Eine falsche Entscheidung zwingt aber auch dazu, Daten oder einzelne Workloads aus der Public Cloud wieder intern zu verschieben – ein Trend, der als „Unclouding“ bekannt ist. Unclouding erfolgt aus mannigfachen Gründen, wobei zwei Treiber hervorstechen: ein höheres Maß an Kontrolle zu erlangen und Geld zu sparen.

Kurzum: Die richtige Cloud-Strategie geht von der Überzeugung aus, dass es keine richtige Cloud-Strategie gibt; dass es keine geben kann. Jedenfalls nicht für eine längere Zeit. Nicht bezogen auf einen Zeitraum, sondern höchstens auf einen Zeitpunkt.

Einerseits ändert sich der Markt mit einer unfassbar brutalen Geschwindigkeit. Andererseits ändern sich die Anforderungen der einzelnen Unternehmen gleichfalls in einer atemberaubenden Tempo. 

Es gibt keine universelle Lösung für die Auswahl des richtigen Cloud-Anbieters, der idealen Plattformen bzw. des idealen Service-Providers. Alles ist flüchtig. Die jeweilige Cloud-Lösung wird immer eine individuelle sein müssen, um auf die Bedarfe im Unternehmen zugeschnitten sein zu können.

Es gibt also maximal die, zu einem jeweils definierten Zeitpunkt, für ein definiertes Problem oder eine definierte Aufgabe, optimierte Lösung. Diese Situation bedingt, dass Unternehmen den Modernisierungspfad immer schneller beschreiten müssen. Und diese richtige Strategie ist Stand jetzt eine (echte) Multi-Cloud-Strategie.


Zu These 2:
Hybrid Cloud als Modell der Wahl im Mittelstand

Stand heute: ja; mit klarer Tendenz zur Multi Cloud. Die Hindernisse für die Einführung von Cloud Computing in Unternehmen, einschließlich Sicherheitsbedenken und Einhaltung gesetzlicher Vorschriften, werden immer geringer.

Mit zunehmender Reife neuer Cloud-Computing-Funktionen, wie zum Beispiel die Unterstützung von Containern und Serverless Computing, werden Cloud-, Multi-Cloud- oder Hybrid-Cloud-Umgebungen zur Plattform der Wahl.

Immer mehr Unternehmen, die wettbewerbsfähig bleiben wollen, betrachten die Modernisierung ihrer IT – also die Transformation ihrer Informationsarchitektur und Informationsinfrastruktur – als eine dringende, unternehmenskritische Aufgabe. Cloud Services haben sich hierbei inzwischen als ein fester Bestandteil des IT-Portfoliomanagements etabliert.

Viele Unternehmen haben zudem über die Cloud bereits erhebliche Mehrwerte generiert – zwar nicht zwingend auf der Kostenseite, sondern vielmehr beim Nutzen. Gesteigerte Flexibilität und Geschwindigkeit bei agileren und risikotoleranteren Rahmenparametern sind Ergebnisse, welche IT-Organisationen und Führungskräfte von Cloud-Infrastrukturen erwarten. Vom heutigen On-Premise-Schwerpunkt werden also Daten und Workflows zu großen Teilen Richtung Cloud wandern. 

Trotz oder gerade wegen dieser Entwicklungen sind Rechenzentren als Grundlage digitaler Infrastrukturen immer relevanter. Wichtig: Gerade dem unternehmenseigenen Rechenzentrum kommt dabei eine gewisse Relevanz zu.

Das Verschieben von Workloads – und die Entscheidung, welche davon wohin verschoben werden sollen – ist nicht einfach, und Fehler zu machen, kann sich als kostspielig erweisen. Die Frage lautet: Welche Workloads gehen in die Cloud; welche bleiben im eigenen Rechenzentrum? Aber auch: Welche Workloads werden noch benötigt bzw. wie lange sind die Lebenszyklen der einzelne Workloads? Und davor muss die Frage beantwortet werden: Warum überhaupt in die (Public) Cloud?

Die Antworten: Einige Unternehmen setzen auf mehr Agilität und mehr Elastizität; einige wollen jedoch auch den Betrieb von eigenen Rechenzentren einstellen. Für diejenigen, die die eigenen Rechenzentren einstellen wollen, stellt sich die Frage nach Colocation-Anbietern. Für die, die auf Agilität & Co setzen, stellt sich die Frage: Welche Workloads profitieren von mehr Agilität; wären also in der Lage, eine erhöhte Agilität und Elastizität, die die Cloud bietet, verbunden mit der Integration von Mehrwertdiensten, zu nutzen?

Anwendungen, die aktiv verbessert und innovativ weiterentwickelt werden, profitieren wahrscheinlich von der erhöhten Agilität. Anwendungen, die saisonal sind, sowie nicht produktive Umgebungen, die nicht rund um die Uhr laufen müssen, sind gute Kandidaten, um die Elastizität zu nutzen. Die Herausforderung besteht darin, dass die Beantwortung dieser Frage ohne eine ganzheitliche Strategie schwierig sein kann.

 

Zu These 3:
Neue Formen von "Hybrid Cloud" Outsourcing-Partnerschaften im Mittelstand

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie „der Mittelstand“ werden in den kommenden drei bis fünf Jahren die höchsten Wachstumsraten und das größte Nachfragewachstum im Markt für Managed-Cloud-Services und sonstigen Dienstleistungen im Kontext von Cloud Computing aufweisen.

Dies hängt auch mit der höheren Ressourcenknappheit, also fehlendem Fachpersonal, zusammen und der damit verbundenen Kompensation der Ressourcenschwäche durch externe Dienstleister.