Dhouha Maatoug

Cloud Ingenieurin bei Beck et al.

„Strategisch sinnvoll erscheint der hybride Ansatz wie folgt: Die on-premises IT wird eine „Edge Extension“ der Public Cloud und auch als solche gemanagt.“

Dhouha Maatoug

q.beyond bat Dhouha Maatoug um die Kommentierung von drei Thesen, welche die Eindrücke aus Gesprächen mit mittelständischen Kunden zum Thema Cloud-Migration zusammenfassen:

  • These 1: Eine Migration der gesamten Unternehmens-IT hin zu Public Cloud(s) ist für mittelständische Unternehmen (ab ca. 500 MA) keine optimale Strategie.
  • These 2: Hybrid Cloud bleibt das Modell der Wahl für die Cloud-Migration im Mittelstand.
  • These 3: Für eine erfolgreiche Cloud-Migration bedarf es einer neuen Form an Outsourcing-Partnerschaften, bei denen die Provider sowohl den Betrieb von Private Clouds als auch das Management von (multiplen) Public-Cloud-Angeboten verantworten.

Konkret fragten wir, ob die Experten diesen Thesen aus Ihrer Erfahrung heraus zustimmen und warum (nicht); welche Herausforderungen sie bei der Entscheidung in Hinblick auf Public-Cloud-Angebote für besonders problematisch, welche sie für eher vorgeschoben bzw. einfach lösbar halten sowie für welche Themen mittelständische Unternehmen unbedingt / bevorzugt Public-Cloud-Angebote in Betracht ziehen, und welche bis auf weiteres in Private Clouds betrieben werden sollten.


Zu These 1 –
Ein reiner Public-Cloud-Ansatz ist für den Mittelstand keine optimale Strategie

Für Cloud Computing gibt es keine One-Size-Fits-All-Lösung, der Business Case entscheidet über das richtige „Cloud-Werkzeug“. Aus dieser Perspektive stimme ich der These zu.

Gleichwohl halte ich Public-Cloud-Angebote für durchaus relevant im Mittelstand.

Die oft genannten „Schreckgespenster“ der Public Cloud, wie Sicherheit und Data Ownership / Compliance sind meist lösbar und oft sogar besser und günstiger als on-premise, wo die notwendige professionelle Expertise zur Erbringung der Services oder die technischen Plattformen meistens gar nicht oder nur ungenügend verfügbar sind.

Hier scheint tatsächlich oft das Gefühl die Fakten auszustechen.

Der Ernüchterung einiger Verantwortlicher bei der Realisierung von Public-Cloud-Angeboten liegt zudem oft ein eher einseitiger und zum Teil zu naiver Angang bei der Bewertung des Business Case zugrunde:

Wenn Kosteneinsparung der alleinige Treiber hinter Cloud-Projekten ist, sehen wir oft, dass sich Unternehmen ohne externe Unterstützung mit dem Einsparungspotenzial von Lift & Shift verkalkulieren oder den Aufwand für Refactoring / Replatforming unterschätzen.


Zu These 2:
Hybrid Cloud als Modell der Wahl im Mittelstand

Dieser These kann ich so nicht zustimmen:

Ich sehe „Hybrid Cloud“ nicht als Modell der Wahl im Sinne einer grundsätzlichen strategischen Entscheidung der IT, sondern als ein mögliches sinnvolles Szenario für bestimmte Workloads oder Services.

Dieses Szenario ist insbesondere dann attraktiv, wenn man dadurch trotz erhöhtem Verwaltungsaufwand und gesteigerter Komplexität einen Mehrwert für das Business generiert – so z.B. bei Business-Applikationen, die mit sensiblen (Produktions-/Finanz-)Daten arbeiten, aber gleichzeitig ein hochskalierbares Frontend für weltweite Anwender performant zur Verfügung stellen sollen.

Strategisch sinnvoll erscheint der hybride Ansatz m.E. eher aus der umgekehrten Perspektive: Die on-premises IT wird eine „Edge Extension“ der Public Cloud und auch als solche gemanagt. Auf diese Weise können z.B. Herausforderungen an Latenz, Resilienz oder Bandbreiten vermieden werden.

Public Cloud sollte generell als Standard bei der Planung und Berechnung neuer oder renovierter Services und Workloads hergenommen werden, insbesondere mit Cloud-Native-Ansätzen und Containerisierung. Bewerten und entscheiden sollten Dev, Ops und Biz Teams gemeinsam und ausgewogen.


Zu These 3:
Neue Formen von "Hybrid-Cloud"-Outsourcing-Partnerschaften im Mittelstand 

Ja, Partnerschaften sind notwendig. Ob es sich dabei jedoch um eine "Outsourcing"-Partnerschaft handeln muss, ist fraglich. Eigentlich ist ein partnerschaftliches Projekt- oder Dienstleistungs-Verhältnis zwischen Kunden und Dienstleister ausreichend. „Neu“ ist diese Form ebenfalls nicht, bieten doch erfahrene Dienstleiter Services über alle Cloud-Arten hinweg seit Jahren an.

Moderne Cloud Provider sollten ihren Kunden helfen den Spagat zwischen modernen DevOps-Architekturen und traditionellem IT-Betrieb zu meistern.
Dazu ist es notwendig, das Geschäft der Kunden zu verstehen, die damit verbundenen Herausforderungen mit den richtigen – ggf. „cutting edge“-Technologien zu adressieren und den Kunden beim Managen die Technologien (die eventuell Multi-Layer-Hybrid-Cloud-basiert sind) zu unterstützen.
Die Flexibilität und Agilität der Dienstleister ist für die Partnerschaft erfolgskritisch:
Die Cloud-Partner sollten unbedingt willens und in der Lage sein, die Evolution im Cloud-Umfeld aktiv mitzugehen – also Weiterentwicklungen der Cloud Services,-Plattformen und -Funktionen zeitnah in die bestehenden Kundenlösungen einzubauen und umzusetzen.
Continuous Integration, Continuous Deploy eben – und dies nicht im Hinblick auf den Code, sondern für die Gesamtlösung aus Infrastruktur und Plattform.
Schließlich sollte der Cloud-Partner kurzfristig auftauchende organisatorische Herausforderungen – wie jetzt durch die Corona-Quarantäne – effektiv behandeln können, indem z.B. eigene Mitarbeiter und die des Kunden befähigt werden, ihren Job aus dem Home-Office heraus zu erledigen und trotz allem effizient zusammenzuarbeiten.