Maximilian Hille

Head of Consulting, Cloudflight Germany (Crisp)

„In Zukunft werden diejenigen Provider das Rennen machen, die unabhängig von der Infrastruktur für den Kunden eine integrierte und einheitliche Cloud Experience anbieten.“

Maximilian Hille

q.beyond bat Maximillian Hille um die Kommentierung von drei Thesen, welche die Eindrücke aus Gesprächen mit mittelständischen Kunden zum Thema Cloud-Migration zusammenfassen:

  • These 1: Eine Migration der gesamten Unternehmens-IT hin zu Public Cloud(s) ist für mittelständische Unternehmen (ab ca. 500 MA) keine optimale Strategie.
  • These 2: Hybrid Cloud bleibt das Modell der Wahl für die Cloud-Migration im Mittelstand.
  • These 3: Für eine erfolgreiche Cloud-Migration bedarf es einer neuen Form an Outsourcing-Partnerschaften, bei denen die Provider sowohl den Betrieb von Private Clouds als auch das Management von (multiplen) Public-Cloud-Angeboten verantworten.

Konkret fragten wir, ob die Experten diesen Thesen aus Ihrer Erfahrung heraus zustimmen und warum (nicht); welche Herausforderungen sie bei der Entscheidung in Hinblick auf Public-Cloud-Angebote für besonders problematisch, welche sie für eher vorgeschoben bzw. einfach lösbar halten sowie für welche Themen mittelständische Unternehmen unbedingt / bevorzugt Public-Cloud-Angebote in Betracht ziehen, und welche bis auf weiteres in Private Clouds betrieben werden sollten.


Zu These 1 –
Ein reiner Public-Cloud-Ansatz ist für den Mittelstand keine optimale Strategie

Reine Public-Cloud-Ansätze sollten als Option grundsätzlich nicht von vornherein ausgeschlossen werden. In der Praxis wird es zwar einen signifikanten Teil der mittelständischen Unternehmen geben, auf den die Eingangsthese vor, während und nach einer eingehenden Analyse der Architektur und des Zielbildes zutreffend ist. Dieser wird vermutlich sogar über 80 Prozent der Unternehmen liegen. 

Nichtsdestotrotz sollten die Unternehmen und auch die Provider trotz langjähriger Erfahrungen im Projektgeschäft, gerade in hybriden IT-Umgebungen, nicht voreingenommen in eine Analyse starten. Dabei wird die hybride Cloud-Option vermutlich als die attraktivste erscheinen, möglicherweise aber nicht immer als die langfristigste.

Denn auch reine Public-Cloud-Betriebsmodelle können die Grundlage für den Betrieb aller Anwendungen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen bilden. So gibt es die Möglichkeit, traditionelle Anwendungen eher in einem Cloud Hosting zu betreiben, sodass nur blanke Infrastruktur-Ressourcen benötigt werden. Andere Anwendungen können wiederum im Microservices-Modell durch einen gesamten Tool Stack vom Betrieb bis zur Weiterentwicklung, bspw. auch durch Cloud-Native-Technologien, noch performanter betrieben werden. 

Grundsätzlich gilt, dass ein reiner Lift & Shift-Ansatz der Anwendungen nicht zielführend ist und dass auch der Aufwand und das Risiko der Migration von Kernapplikationen in die Cloud häufig nicht im Verhältnis zum Nutzen stehen. Gelingt es den Unternehmen jedoch, eine integrierte IT- und Cloud-Strategie zu entwickeln, die erst einmal vollständig auf die Public Cloud setzt, können hier Vorteile entstehen.

Dabei existieren durchaus Beispiele, wo Lift & Shift-Ansätze einen Nutzen haben können. Dies sind jedoch in der Regel Spezialfälle, die sich aufgrund ihres Lastverhaltens, einer modernen Architektur oder aus Integrationsaspekten herausbilden. Diese können allerdings nicht unter Zwang herbeigeführt werden und lassen sich in vielen mittelständischen Unternehmen schon frühzeitig ausschließen. 

Die Herausforderungen sind und bleiben in den Unternehmen vielfältig, nehmen jedoch durch die Reife der Plattformen und die zur Verfügung stehenden Tools und Migrationsservices immer weiter ab. So ist insbesondere das Thema Datenschutz meist nur vorgeschoben, weil es ein vorschnelles und undifferenziertes Urteil für die Public Cloud impliziert. Wie alle anderen Technologiedienstleister und Unternehmen unterliegen auch sie mit ihren europäischen Rechenzentren den geltenden Datenschutzbestimmungen. Hier sind die Anwender in der Pflicht, die richtige Governance und Richtlinienkultur zu etablieren.

Eine DSGVO-konforme Public Cloud, sogar für kritische und regulierte Infrastrukturen, ist bereits in der Praxis mehrfach angekommen. Das gilt umso mehr für das Thema Sicherheit, das lediglich die technologische Reife der Infrastruktur bedeutet. Hier sind die Cloud Provider dem Eigenbetrieb um ein Vielfaches voraus. 

Hingegen kommt wohl kein Mittelständler umhin, sich vor dem Einstieg in die Public Cloud mit der eigenen Anwendungslandschaft und dem Aufbau der notwendigen Fähigkeiten innerhalb des IT-Teams zu befassen. Sowohl die Anwendungsmodernisierung und -migration, der laufende Betrieb derselben und die Entwicklung neuer cloud-nativer Apps ist selbstverständlich lernbar und ebenso durch Dienstleister gewährleistet, jedoch meist noch nicht in den mittelständischen Unternehmen verankert.


Zu These 2:
Hybrid Cloud als Modell der Wahl im Mittelstand

Hybride Architekturen werden für den Mittelstand definitiv das Modell der Wahl bleiben. Gerade wenn es darum geht, schrittweise in die Public Cloud zu gelangen und parallel mit den Digitalisierungs- und Automatisierungsbemühungen Erfahrungen zu sammeln und neue Möglichkeiten zu erschließen, ergibt dieses Betriebsmodell den meisten Sinn.

So kann gerade auch die Anwendungslandschaft nur selektiv in die Public Cloud migriert werden, sodass entweder unkritische Applikationen mit einem hohen Potenzial durch die Cloud (bspw. Kostenreduktion durch Lastverhalten, Self-Service-Modelle, bessere Performance) oder auch Anwendungen “end of life” eine agile und flexible Betriebsgrundlage finden. Darüber hinaus können einzelne Services, die miteinander integriert, aber infrastrukturunabhängig laufen, teilweise in der Public Cloud betrieben werden, um den Vorteil der Microservices, der Flexiblität oder der Management-Tools zu nutzen.

Entscheidend für die Hybrid Cloud ist die Sicherstellung der Integration und die Nutzung der Synergiepotenziale auf Management- und Monitoring-Seite. Betreiben die Mittelständler alle Systeme doppelt, jeweils für die Private und Public Cloud(s), wird auch diese Strategie schnell zur Kostenfalle.

Sobald die Unternehmen allerdings in Richtung Data-Analytics, IoT, digitale Plattformen oder allgemein den State-of-the-Art-Betrieb der Produktions- und Office-IT blicken, wird die Public Cloud zumindest eine ernste Option sein. Der Zugang zu den entsprechenden Management-Tools und Plattformservices, die Performance und Flexibilität sind essenziell für den Erfolg und können so technologisch, kaufmännisch und im Hinblick auf die Innovation im Unternehmen den Unterschied ausmachen. 

Damit sollten neue digitale Anwendungen, die in Container Clustern betrieben werden können und per Definition besonders agil, dynamisch und elastisch genutzt und weiterentwickelt werden, definitiv in der Public Cloud ihre Heimat finden. Die Anwendungen mit wenig Business Impact und/oder besonders kritischen Anforderungen an die Datenhoheit oder das Betriebskonzept (Integration, Abhängigkeiten) verbleiben hingegen in der Private-Cloud-Umgebung.


Zu These 3:
Neue Formen von "Hybrid Cloud" Outsourcing-Partnerschaften im Mittelstand 

Das Konzept eines Managed Hybrid Cloud Services ist grundsätzlich nicht neu. Viele Dienstleister, gerade die aus den traditionellen Enterprise-IT- und Mittelstandssegmenten haben von Beginn an den Betrieb der On-Premise- und Private-Cloud-Infrastrukturen mit Dienstleistungen rund um die Public Cloud angeboten. Die Einsteiger, meist voneinander unabhängig, haben die erfolgreichen Provider von Beginn an miteinander kombiniert und integriert. Teilweise haben die Dienstleister auch ihre eigenen Infrastrukturen angeboten. 

In Zukunft werden diejenigen Provider das Rennen machen, die unabhängig von der Infrastruktur für den Kunden eine integrierte und einheitliche Cloud Experience, also Planung, Migration, Modernisierung, Integration, Betrieb und Management der Infrastrukturen unabhängig der Deployment-Modelle anbieten können.

Dabei wird jedoch wichtig sein, sich überall der neuesten Cloud-Native-Standards bedienen zu können, die mittlerweile ebenso infrastrukturunabhängig funktionieren. Für das Unternehmen muss idealerweise der Eindruck entstehen, wenn es sich um ein “Full Outsourcing” handelt, dass der Infrastrukturdienstleister alle Applikationen und Infrastrukturen wie Eine betreiben kann (hinsichtlich des Managements), diese jedoch so flexibel und agil veränderbar ist wie eine Microservices-Architektur (hinsichtlich Entwicklung, Testing etc.).

Die Infrastruktur wird potenziell kein Differentiator, sondern eine Erfolgsvoraussetzung, um in Sachen Performance, Kosten und Agilität mithalten zu können. Die Businesslogik und das Geschäftsmodell auf diesen Infrastrukturen entscheiden über den Erfolg. Hier spielen individuelle Automatisierungstechnologien, neue digitale Plattformen, datengetriebene Geschäftsmodelle und IoT-Lösungen die entscheidende Rolle. Das heißt für die Unternehmen, dass die wichtigsten Erfolgsbausteine auf der Infrastruktur liegen, die Infrastruktur selbst allerdings nur ein essenzielles, aber austauschbares Hilfsmittel ist, das beliebig verändert werden kann.

Daneben gibt es zahlreiche unterstützende Funktionen, wie beispielsweise der Digital Workplace oder andere Querschnittslösungen, die lediglich den reibungslosen Betrieb und die größtmögliche Freiheit der Mitarbeiter sicherstellen sollen. Auch hier gilt, dass die Infrastruktur selbst für den Nutzer möglichst unsichtbar sein sollte und vielmehr die Lösung selbst im Vordergrund steht. Mit einem gut strukturierten Managed Service und der Self-Service-Option der Mitarbeiter für Procurement und Onboarding hat das Unternehmen die meisten Vorteile zu erwarten.

Der Managed-Service-Dienstleister wird am Ende zum Omni Cloud Provider, der alle Infrastrukturen und Applikationen gemeinsam verantwortet und bereitstellt. Dabei verantwortet er auch die Einführung der richtigen Management-Werkzeuge und der Transparenz zum Kunden.

Neben diesen Omni Cloud Providern werden auch weiterhin wenige, aber sehr spezialisierte Dienstleister, gerade für hoch dynamische digitale Plattformen und Container Cluster gebraucht, die hier ihre speziellen Stärken ausspielen. So kann sich der Mittelstand darüber freuen, künftig mit maximal einer Hand voll Providern (einem Generalisten und wenigen spezialisierten Anbietern) direkt in Kontakt zu stehen und dennoch das volle Potenzial der aktuellen IT-Infrastruktur- und Plattformlandschaft ausschöpfen zu können.